Der harmonische Dualismus und seine Entwicklung zum 'Streit- und Angelpunkt der Musiktheorie' - eine Diskursanalyse

Abstract

Die Debatte um den harmonischen Dualismus gehört zu den zentralen Themenfeldern der Musiktheorie des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Spätestens seit Moritz Hauptmanns Die Natur der Harmonik und der Metrik (1853) war die Frage nach der Beziehung der beiden Tongeschlechter Dur und Moll ein Kernthema des Leipziger Musiktheoriediskurses und bildete in ihrer dialektischen Grundkonzeption das Fundament für daran anschließende dualistische Theorien der Harmonie. In den darauf folgenden Jahrzehnten bildete sich darüber hinaus, und womöglich nicht gänzlich unabhängig davon, zunehmend ein akademisches Selbstverständnis einer Musiktheorie heraus, welche sich anstelle von rein kompositionstechnisch-didaktischen Vorgaben durch eine stärkere Rückbindung an philosophische und naturwissenschaftliche Ansätze zu fundieren sucht. Insbesondere die Begründung der Mollkonsonanz wurde durch Bezugnahme auf physikalische Obertönen einerseits und musikästhetische Intuitionen andererseits zu einem wichtigen Austragungsfeld dieses Selbstverortungsprozesses.

In der aktuellen Forschungsliteratur existieren Beschreibungen und Vergleiche der Theorie-Entwürfe diverser beteiligter Autoren. Weitgehend unbeachtet blieb bislang jedoch die Frage, wie sich die inhaltliche Auseinandersetzung selbst von der Aneinanderreihung und Verknüpfung bzw. Abgrenzung verschiedener Ansätze zu einer Debatte im eigentlichen Sinne entwickelte. Der vorliegende Beitrag nimmt daher die Genese der “Dualismus-Debatte” in zeitgenössischen Publikationen in den Blick und zeichnet nach, wie die jeweiligen Autoren (u. a. Hauptmann, Kraushaar, von Oettingen, Hostinsky und Riemann) implizit oder explizit daran teilnahmen, indem sie sich zueinander und zu konkreten Fragestellungen, beispielsweise etwa dem Tongeschlecht der Oberdominante in Moll oder der Relevanz von Obertonreihen für die Musiktheorie, positionierten. Den Charakter einer zwischen zwei Polen ausgefochtenen Debatte erhält der Dualismus-Diskurs insbesondere in der öffentlichkeitswirksam ausgetragenen Auseinandersetzung zwischen Georg Capellen und Hugo Riemann (1905). Die meisten Autoren, die im Zuge dieses Streits retrospektiv für die dualistische oder monistische Seite vereinnahmt wurden und werden, lassen jedoch nicht erkennen, dass sie sich selbst als Teilnehmer einer dermaßen klar umrissenen Debatte wahrgenommen hätten.

Wir greifen zurück auf ein für unsere Fragestellung relevantes Korpus musiktheoretischer Schriften, die im Rahmen eines Digital-Humanities-Projektes digitalisiert und quantitativ analysiert wurden und ergänzen diesen “Distant-Reading”-Ansatz durch qualitative Methoden der Diskursanalyse. Dadurch wird insbesondere auch eine kritischen Evaluation der Anwendung quantitativer Methoden auf derartige Fragestellungen ermöglicht, welches über die konkreten Befunde unserer Analyse hinaus einen Blick auf den gegenseitigen Nennwert von qualitativ-historischer und quantitativ-empirischer Musikforschung eröffnet.

Date
Sep 28, 2022 12:00 AM — Oct 1, 2022 12:00 AM
Location
Humboldt-Universität zu Berlin
Berlin,
Fabian C. Moss
Fabian C. Moss
Research Fellow in Cultural Analytics

Fabian C. Moss is a Research Fellow in Cultural Analytics at University of Amsterdam (UvA). He was born in Cologne, Germany, and studied Mathematics and Educational Studies at University of Cologne, and Music Education (Major Piano) and Musicology at Hochschule für Musik und Tanz, Köln. He obtained is PhD in Digital Humanities from École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL). Working with large symbolic datasets of musical scores and harmonic annotations, he is primarily interested in Computational Music Analysis, Music Theory, Music Cognition, and their mutual relationship.

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